Dienst am höheren Gesetz

ISBN 3-933757-02-9
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Buch: Dr. Margarete Sommer und das "Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin"

Umfang: 224 Seiten mit zahlreichen historischen Dokumenten- und Fotoabbildungen
Sprache: Deutsch
Format: H 24,0 x B 16,1cm, 2,0cm dick
Einband: Paperback, französische Broschur
© 2000 Erzbistum Berlin, Hrg./SERVI Verlag
Restauflage, reduzierter Preis: statt 19,95 nur 8,95

Vorwort
Am 23. Juni 1996 wurde der Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg (03.12.1875-05.11.1943) als Bekenner und Martyrer von Papst Johannes Paul II. in Berlin seliggesprochen. Lichtenbergs Hilfe für verfolgte Juden trieb ihn in die Fänge der NS-Staatsgewalt und schließlich in den Tod.
Mit der Seligsprechung wurde Bernhard Lichtenberg durch die Kirche als einer der großen Kämpfer gegen ungerechte Gewalt und als Helfer der verfolgten Juden öffentlich anerkannt. Aber er steht mit seinem Engagement nicht als Einzelkämpfer da. Zahlreiche Katholiken Berlins unterstützten ihn, arbeiteten ihm zu und arbeiteten eng mit ihm zusammen; ihre Namen sind heute meist ebensowenig im Gedächtnis wie ihre Ablehnung nationalsozialistischer Rassentheorie und ihr Einsatz für ihre jüdischen Mitbürger, für den sie höchste persönliche Risiken in Kauf nahmen. Neben der Masse der Eingeschüchterten und der Schweiger gab es auch die Standhaften und Gerechten, die sich ihrem christlichen Gewissen verpflichtet fühlten und das Unrecht nicht akzeptierten.

Dr. Margarete Sommer (21.07.1893-30.06.1965) gehörte zweifellos zu ihnen. Bereits 1933 trat sie in Opposition zum NS-Regime, indem sie sich weigerte, als Dozentin nationalsozialistische Forderungen und Gesetze zu vertreten, die im Naturrecht und göttlichen Gesetz verankerte unaufhebbare Menschenrechte angreifen und vernichten. Sie widmete sich als überzeugte Katholikin den Betroffenen der „Nürnberger Rassegesetze“ im „Hilfswerk beim Bischöflichen Ordinariat Berlin“.

1941 wurde Margarete Sommer die wichtigste und engste Mitarbeiterin des Leiters dieses Hilfswerkes, des Dompropstes Bernhard Lichtenberg. Nach dessen Verhaftung war ihr direkter Ansprechpartner in zahllosen Hilfsaktionen der Berliner Bischof Konrad Graf von Preysing.
Von 1939 bis 1945 befanden sich die Räume des Hilfswerkes auf dem Grundstück der Herz-Jesu-Pfarrei in der Schönhauser Allee 182, im vom NS-Regime geschlossenen Theresien-Lyzeum.
Wie vielen katholischen und nichtkatholischen Juden Margarete Sommer in den Jahren der NS-Zeit beigestanden hat, wie vielen sie zur Flucht aus Nazi-Deutschland verhalf, wie viele sie in Kirchenkellern und anderswo vor den Nazis verstecken und so vor dem Tod in den Konzentrationslagern bewahren konnte, läßt sich nur ahnen; es waren keine Einzelfälle.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kämpfte Margarete Sommer für den Aufbau einer gerechten und menschenwürdigen Gesellschaft und gehörte zu den ersten Mitgliedern der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ in Berlin, der sie bis zu ihrem Tod am 30.06.1965 angehörte. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Siegmund Weltlinger, schrieb in seinem Nachruf „... wir haben in ihr einen Menschen verloren, der in all seinem Handeln vorbildlich für das gewesen ist, was unsere Gesellschaft in ihren Zielen vertritt.“

Wenn wir als Deutsche heute wieder Achtung und Anerkennung in der Welt genießen dürfen, dann auch deswegen, weil die menschliche, moralische und christliche Integrität von Persönlichkeiten wie Margarete Sommer zu den Fundamenten des demokratischen Nachkriegsdeutschland zählt.
Daß die Gestalt Dr. Margarete Sommer und ihr Lebenswerk nicht in Vergessenheit geraten ist, verdanken wir vor allem Herrn Dr. Heinrich Herzberg. Er recherchierte die Arbeit des Hilfswerkes in der Schönhauser Allee 182 und in diesem Zusammenhang die Bedeutung Margarete Sommers. Trotz seiner schweren Erkrankung war er bis zu seinem Tod am 15.07.1995 mit dieser Arbeit befaßt. Leider konnte er sie nicht mehr beenden.
Es ist den Herausgebern bewußt, daß die vorliegende Arbeit keine Dokumentation im streng wissenschaftlichen Sinne darstellt, jedoch rechtfertigen sie die Veröffentlichung mit der Bedeutsamkeit der erforschten Fakten und des Quellenmaterials.
Vor der jetzigen Veröffentlichung gab es auf der Grundlage dieses Materials und mit der gleichen Thematik von November 1995 bis Februar 1996 eine Ausstellung im Prenzlauer Berg Museum, die von Frau Annegret Herzberg gestaltet wurde. Diese Ausstellung ist als Dauerleihgabe des Museums auf dem Gelände der Herz-Jesu-Gemeinde zu besichtigen.
Daß die Arbeit von Heinrich Herzberg nun der Öffentlichkeit vorliegt, ist sowohl dem Drängen und Einsatz des Erzbischofs von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, zu verdanken, als auch dem Engagement der Pfarrgemeinde Herz-Jesu (Berlin-Prenzlauer Berg), in deren Räumen Margarete Sommer lange Jahre wirkte und deren Mitglied Heinrich Herzberg war.
Frau Helga Knäbel (Pfarrei Herz Jesu) sei gedankt für die vielfältige Koordinations- und Organisationsarbeit, die die Publikation dieses Bandes mit sich brachte, ebenso allen anderen Helfern und besonders denjenigen, die durch ihre finanzielle Unterstützung die Veröffentlichung erst ermöglichten: dem Erzbistum Berlin und Frau Constanze Knothe.
Als ehemaliger Pfarrer der Pfarrgemeinde Herz Jesu hoffe ich, daß mit dem vorliegenden Werk nicht nur die Erinnerung an eine bedeutende Gestalt der Berliner Kirche und zahlreicher stiller Helfer in dunkler Zeit wachgehalten wird, sondern daß wir Heutigen nicht verlernen, die Gerechten und Aufrechten unter uns hoch zu schätzen, damit wir uns und Zukünftige sich an ihnen aufrichten können, falls Unrecht und Menschenverachtung uns einzuschüchtern drohen.

Berlin, im April 2000
Dr. Ernst Pulsfort, Pfarrer
Katholische Akademie in Berlin e.V.