Detlef Kobjela - Reminiszenzen

EX 03.04 CD
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Audio CD: Porträt des sorbischen Komponisten Detlef Kobjela auf 2 CD's

zeitgenössische artifizielle Musik
Gesamtspielzeit:  über 2 Std. auf 2 CD's, 20 Titel
12 Seiten Booklet
Begleittexte / Accompanying texts  in sorb, german, english
Sprache der Liedtexte: Obersorbisch und Niedersorbisch-Wendisch
® und © 2004 Konsonanz, Bautzen/Budyšin

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In der vorliegenden Porträt-CD zum kompositorischen Wirken von Detlef Kobjela sind wichtige Werke, teilweise neu eingespielt, überwiegend jedoch aus Archivaufnahmen zusammen gestellt worden. So unterschiedlich die Aufnahmen auch sind, zeigen sie doch eindrücklich, wie sich immer wieder herausragende Künstler mit Kobjelas Werken auseinander gesetzt haben. Anhand der dokumentierten Aufnahmedaten kann der interessierte Hörer die Musik gut in den Kontext sich verändernder Interpretationsstile einordnen.
Der 1944 bei Cottbus geborene Kobjela ist aus der sorbischen Musiklandschaft der letzten reichlich dreißig Jahre nicht wegzudenken. Als Ensembleleiter und Funktionär, als Komponist und Aktivist: die vielfältigen Facetten machen den Künstler zu einer Persönlichkeit, an der man nicht vorbei kommt, wenn man sich mit sorbischer Musik beschäftigt.
Bekanntermaßen findet sorbische Musik ihre Wurzeln in der Kirchenmusik. Nach Korla Awgust Kocor (1822-1904) wird die Kunstmusikgeschichte des kleinen Volkes von wenigen Namen, wie Pilk, Krawc-Schneider oder Winar, markiert. Sprache, Lieder und Bräuche, das Festhalten an Traditionen, waren in Reaktion auf die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse wesentliches Mittel, der Assimilation zu entgehen. Erstmals 1952 (Gründung des Staatlichen Ensembles für Sorbische Volkskultur) und weitergeführt durch die Zusammenlegung des Sorbischen Volkstheaters mit dem Bautzner Stadttheater zum Deutsch-Sorbischen Volkstheater, hatten sorbischen Komponisten die Möglichkeit, unter dem Aspekt ihrer nationalen Besonderheit, Werke für sinfonisches Orchester und Theater zu schaffen. In diesem günstigen Umfeld fand auch Detlef Kobjela seinen Weg.
Nach seinem Studium der Musikpädagogik arbeitete er zunächst publizistisch, wurde dann Musiklehrer an der Sorbischen Erweiterten Oberschule in Cottbus. 1969 kam er zum Staatlichen Ensemble für Sorbische Volkskultur; arbeitete zunächst als Musikdramaturg, dann als Chefdramaturg, schließlich als Intendant.
Sein kompositorisches Schaffen begann, wie so oft in der DDR, in der Singebewegung, mit Volks-, Chor- und Massenliedern. Dem Schreiben von Musik aus dem folkloristischen Gestus, von der Liedbearbeitung über Tanzszenen bis hin zum Tanzspiel und dramatischen Bühnenwerken, blieb Kobjela schon durch seine engen Beziehungen zum heutigen Sorbischen Nationalensemble, immer verbunden.
Auf der ersten CD findet man mit „Krabat“ eine sinfonische Suite, die ein wenig von diesem Schaffenskreis illustriert, auch die für die zweite CD ausgewählten Lieder verdeutlichen anschaulich, wie Kobjela die Gratwanderung meistert, dem Überlieferten treu, der Tradition (des Sorbischen) verpflichtet und dennoch eigenständig und heutig (modern im positiven Sinn) zu sein.
Neben der Krabat-Suite sind auf der CD 1 drei weitere sinfonische Kompositionen zu hören. Erste Arbeiten für Orchester legte Kobjela 1974 vor. Die Porträt-CD beginnt mit der Dokumentation dieser Schaffensseite fünf Jahre später.
Die ausgewählten Kompositionen eint, dass sie eine feste, an klassischen Vorbildern orientierte Struktur haben und die Besonderheiten der Rhythmik bzw. die Intonationsspezifik der sorbischen Folklore mit den gewachsenen Traditionen und zeitgenössischen Strömungen sinfonischen Musizierens verknüpfen.
So ist das älteste Werk dieser CD, das Concertino für Oboe und Streichorchester (1979), ganz im traditionellen Sinn in 3 Sätzen konzipiert, der erste wiederum dreigeteilt (schnell – langsam – schnell), der zweite als Variationssatz nach vorklassischem Modell, der dritte dann als Rondo, das in seinem Farbenreichtum an impressionistische Vorbilder gemahnt.
Zeitlich schließt sich daran die bereits erwähnte sinfonische Suite „Krabat“ (1980) an. In ihren fünf Sätzen folgt sie zwar dem Leben, den Gefährdungen und dem schließlichen Sieg des Guten über das Böse, greift aber über das illustrative Beschreiben der Abenteuer Krabats hinaus und sucht nach den theatralischen und philosophischen Aspekten der Geschichte. Dieser dramatisch-szenische Ansatz in Kobjelas Schaffen kann jedoch selbst auf einer Doppel-CD nicht weiter verfolgt werden.
1985 und 1986 komponierte Kobjela die beiden anderen Stücke der CD 1: die Ballade für Oboe, Violoncello und Orchester, sowie die Reflexionen für Viola, Violoncello und Orchester. Beide Werke verbindet nicht nur, dass mit zwei Soloinstrumenten die Vielfalt und Breite der Ausdrucksformen erweitert wurde. Beide sind episodenhaft angelegt, verzichten, im Gegensatz zum „Krabat“, auf einen durchgehenden Handlungsstrang, sind viel mehr den jeweiligen subjektiven Empfindungen und der individuellen Ausdrucksweise des Komponisten – wie der Interpreten – verpflichtet. Bedenkenswert wäre, inwieweit diese Entwicklung gerade auch im Kontext der DDR-Kulturpolitik in dieser Zeit zu verstehen ist, inwieweit sie gesellschaftliche Verhältnisse ganz unmittelbar spiegelt. Davon losgelöst, aber im Zusammenhang mit seiner Entwicklung im, auf der zweiten CD festgehaltenen, kammermusikalischen Schaffen, dürfte die Tatsache zu interpretieren sein, dass beide Werke, trotz innewohnender klarer Gliederung und Struktur, einsätzig angelegt sind. Bei der Ballade findet sich eine Untergliederung in 7 Episoden, die die zum Teil recht gegensätzlichen, aufeinander stoßenden Stimmungen umreißen. Die Reflexionen bezeichnet Kobjela selber als mosaikhaft. Der Hörer kann dabei fünf verschiedene, zusammengehörige Teile erkennen. Dabei verzichtet Kobjela bewusst auf Interpretationsvorgaben und löst sich auch formal von den klassischen Vorbildern.
Noch vor seinen ersten Arbeiten für Orchester begann Kobjela, sich der Kammermusik zu widmen. Dabei befindet er sich in guter Gesellschaft der Altmeister der Sorbischen Musik. Auf der CD2 finden sich einige interessante Aufnahmen für teilweise ungewöhnliche Kammermusik-Besetzungen. Hört man sich die Stücke in der Reihenfolge ihrer Entstehung an, kann man sehr gut die kompositorische Entwicklung Kobjelas, aber auch die bereits von Anfang an hörbaren Elemente seines „Personalstils“ erkennen. Schon die Besetzung, für die er schreibt, zeigt das sich entwickelnde Selbstbewusstsein, das Suchen nach alternativen Klangbildern, nach dem Besonderen, ohne dabei den Zuhörer durch krasse Klangexperimente zu schockieren. Sehr gut ist nachhörbar, wie er sich zunehmend mit den klassischen Vorbildern auseinandersetzt.
Das älteste Stück, Kobjelas „Opus 1“, ist das 1968 geschaffene Duo für Violine und Viola. Die Siebziger Jahre werden auf der CD durch sozusagen „historische“ Aufnahmen dokumentiert: Drei Sätze für Streichquartett, komponiert für eine literarisch-musikalische Veranstaltung im Rahmen des III:Festivals sorbischer Kultur 1972, wurden bereits 1973 vom Quartett der Dresdner Philharmonie eingespielt. Die Aufnahme lebt also nicht nur von der exzellenten Wiedergabe durch die Dresdner Musiker, sondern atmet gleichsam auch noch den Zeitgeist, aus dem zur Uraufführung heraus musiziert wurde. Auch die beiden Sätze der Sonatine für Violoncello und Klavier, die sich auf dieser CD finden, dürften eine Rarität darstellen. Die Aufnahme des 1973 geschaffenen Werkes entstand nur ein Jahr später mit Carl Zahner und Kobjelas Komponistenkollegen Jan-Paul Nagel am Klavier.
Aus den achtziger Jahren wurde für die CD die „Legende für Streichquartett“ ausgewählt, jüngeren Datums sind Barkarole, Divertimento und Aria, in denen sich Kobjela mit Gitarre, Akkordeon und Orgel neue Klangwelten erschloss.
Zwischen den kammermusikalischen Werken sind Ausschnitte aus Kobjelas reichem Liedschaffen zu hören, die in diesem Kontext besonders wirksam erscheinen. Kobjelas Vertonungen nehmen den Volksliedduktus zwar auf, entwickeln aber ebenso starke melodiöse Eigenständigkeit. Die früheren Kompositionen sind, ähnlich wie bei den anderen betrachteten Werkgruppen, bis in die Figurationen der Begleitung, strenger dem klassischen Ideal verpflichtet. In späteren Liedern, beispielsweise in den „Stillen Gesängen“, findet man sehr poetisch geformte, geradezu impressionistisch schillernde Stimmungen. So erschließt sich die Poesie der vertonten Gedichte über die Musik auch dem, der die Texte in ihren Feinheiten nicht versteht. So zeigt sich auch im Liedkomponisten Kobjela, was die CD ebenso für den sinfonischen und kammermusikalischen Bereich darstellt. Mit sicherem Gespür für musikalische Wirkungen, verwurzelt in der Musikalität der sorbischen Kultur, bleibt er im besten Sinne „volksverbunden“, populär.

Jens Daniel Schubert