Serbski kwas - Die sorbische Hochzeit (Eterna) - LP

LP 16-A
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Audio LP: Serbski kwas - Die sorbische Hochzeit
Oratorium von Korla Awgust Kocor (1822-1904), Musik und Handrij Zejler (1804-1872), Text.

Mitwirkende: Vereinigung der sorbischen Chöre "Lipa", "Meja" und "Budyšin"
Solisten: Irena Torbusowna (Sopran), Liana Pohlanowa (Alt), Marian Kouba (Tenor), Křesćan Baumgärtel (Chortenor), Marian Kondella (Bariton), Andrzej Kiezewetter (Baß)
Großes Rundfunkorchester Leipzig, Dirigent: Jan Bulank 

® Aufnahmen 1967 Rundfunk der DDR
Die sorbische weltliche Kunstmusik nahm nach dem derzeitigen Forschungsstand ihren Ausgang mit der "Jubiläumsode" von Jurij Rak aus dem Jahre 1766, sie erreichte aber erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einen ersten Höhepunkt. Dieser Aufschwung, der historisch mit der revolutionären Vormärzbewegung korrespondiert, steht in engem Zusammenhang mit dem tatkräftigen Wirken der Autoren des auf dieser Schallplatte veröffentlichten Oratoriums. Dabei galt es, mit Beharrlichkeit Hemmnisse aus dem Wege zu räumen, die nationale und soziale Unterdrückungsmaßnahmen der sächsischen bzw. preußischen Obrigkeit hervorgebracht hatten und die die Entfaltung eines eigenständigen sorbischen Kulturlebens erschwerten. So standen den Sorben z. B. keine Theater, Opernbühnen, Orchester und Konzertsäle zur Verfügung, und ein sorbischer Berufsmusikerstand existierte nicht. Trotz solcher historisch bedingter Umstände gelang dem Nationaldichter Handrij Zejler (1804-1872) und dem Begründer der sorbischen Kunstmusik Korla Awgust Kocor (1822-1904), ein künstlerischer Beitrag zur nationalen Wiedergeburt des sorbischen Volkes, indem sich beide auf dessen kulturell-schöpferische Eigenpotenzen stützten. Sie hatten wesentlichen Anteil an der Formierung einer beispielhaften Chorbewegung, die sich in regelmäßigen Veranstaltungen von Gesangsfesten seit 1845 gewissermaßen institutionalisierte. Indem beide Künstlerpersönlichkeiten auch organisatorisch an der Spitze eines aufblühenden sorbischen Musiklebens standen - Kocor wirkte als künstlerischer Leiter und Dirigent der erwähnten Gesangsfeste - war ihr Schaffen von allem Anfang an von einer wahrhaften Volksverbundenheit geprägt. Zunächst komponierte Kocor auf die Texte seines Freundes Zejler, der übrigens selbst auch über musikalisch-schöpferische Ambitionen verfügte und zu ca. 25 eigenen Texten Melodien erfand, Kunst- und Chorlieder, die sich bis heute einer erstaunlichen Popularität erfreuen. Sie und weitere Volksliedbearbeitungen boten den sorbischen Gesangskollektiven erstmalig ein Stammrepertoire, das in verschiedenen Liedsammlungen, herausgegeben von der sorbischen wissenschaftlichen Gesellschaft "Macica Serbska", der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Die sich im Zuge der bürgerlich-demokratischen revolutionären Strömungen des Vormärz verstärkt entfaltenden Emanzipationsbestrebungen des sorbischen Volkes (getragen durch Bauernschaft, Kleinbürgertum und Intelligenz) erforderten größere künstlerische Formen, um die sozialen und nationalen Forderungen auch musikalisch zu untermauern und ästhetisch zu artikulieren. So entstand bereits im Jahre 1847 das hier vorliegende Oratorium "Serbski kwas - Die sorbische Hochzeit" als erstes seiner Art in der Geschichte der sorbischen weltlichen Kunstmusik. Weitere großangelegte Vokalwerke mit orchestral konzipierter Klavierbegleitung folgten, wobei Kocor mit dem 1861 fertiggestellten Oratorium "Naleco - Der Frühling" (ETERNA 8 26 488) aus dem fünfteiligen Zyklus "Die Jahreszeiten" den Höhepunkt seiner künstlerischen Entwicklung erlangte. Zehn Jahre später erschien ebenfalls in Zusammenarbeit mit Zejler die sorbische Nationaloper "Jakub und Kata". Eine weitere Oper, zwei geistliche Oratorien, Kantaten und Kammermusik runden das kompositorische Schaffen Kocors ab.
Der Begründer der sorbischen Kunstmusik erhielt seine Ausbildung am Bautzener Lehrerseminar bei dem seinerzeit in sächsischen Fachkreisen anerkannten Komponisten und Musiktheoretiker Karl Eduard Hering (1807-1879). Dieser vermittelte seinem Schüler nicht nur wichtige theoretische Grundkenntnisse, sondern schärfte auch dessen Verständnis für klassische Werke. Daher darf es nicht wundernehmen, daß sich Kocor - wie das durch die vorliegende Platte zum Ausdruck kommt - an der klassischen deutschen Musiktradition orientierte. (Leider fand dies bei der Instrumentierung und teilweise auch bei der Interpretation seiner Werke nicht immer Beachtung.) Das Problem eines aus der Folklore erwachsenden Nationalstils, wie es Komponisten anderer slawischer Völker bereits zu jener Zeit lösten, entstand für die sorbische Musikgeschichte erst später durch das Wirken von Bjarnat Krawc (1861-1948) und Jurij Pilk (1858-1926). Freilich finden wir in den Werken Kocors' dem die sorbische Volksmusik natürlich nicht nur bekannt, sondern - wie seine zahlreichen Bearbeitungen belegen - wesentlicher Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung war, gelegentlich Volksliedzitate (im vorliegenden Falle im Mittelteil der Ouvertüre sowie im Teil I Nr.9, Teil II Nr.8 und Teil III Nr.4). Kocors künstlerisches Trachten ging dahin, für eine eigenständige sorbische Kunstmusikentwicklung solide Fundamente zu errichten. Bereits die Ansätze, Folkloristisches direkt einfließen zu lassen, zeigen, daß ihm an einer nationalen Akzentuierung der musikalischen Gestaltung gelegen war, eine Komponente, die in späteren Werken noch mehr hervortritt.
Vollgültige nationale Prägung erhält das Oratorium im Verein mit den Texten Zejlers, die den Ablauf einer sorbischen Hochzeit schildern und hier Brauchtum, spezifische Eigenheiten und typisches sorbisches Kolorit in beeindruckenden Versen zu poetischer Geltung bringen. So ist das Werk insgesamt gesehen ein Hohelied auf den sorbischen Menschen, seine Lebensgewohnheiten und seine Gefühlswelt, wobei es in seiner tiefen moralischen Ehrlichkeit und Volksverbundenheit klassische humanistische Positionen ästhetisch widerspiegelt, die über den sorbischen Stoff hinaus von allgemeiner Gültigkeit sind. Seit seiner Uraufführung am 8. Oktober 1847, der zu Lebzeiten der Autoren noch drei weitere Aufführungen folgten, genießt das Oratorium "Serbski kwas" eine große Popularität. Viele seiner Melodien sind in den neueren sorbischen Volksliedbestand eingegangen und haben einen festen Platz im Repertoire der sorbischen Chöre und Kulturgruppen. Das VI. Rundfunkkonzert sorbischer Musik im Jahre 1967 und weitere öffentliche Aufführungen haben zu seiner weiteren Verbreitung beigetragen und belegen gleichzeitig - auch im Zusammenhang mit vorliegender Schallplattenedition - erneut, welche Wertschätzung dem humanistischen sorbischen Musikerbe in unserer Republik entgegengebracht wird.
Detlev Kobjela (1980)