Kunst und Alltag

ISBN 3-933757-01-0
  • Description
  • More Details
EAN 4025118 699 201
Einband: Brandenburg, St.-Pauli-Kloster mit der Skulptur "Familie" von Anja Gläser
Buch: Kunst im öffentlichen Raum im Land Brandenburg
Kulturinitiative Prozess und Dialog Brandenburg-Berlin e.V.
Udo G. Cordes (Hrsg.)

Dokumentation der Kunstwerke im öffentlichen Raum des Landes Brandenburg
Künstlerverzeichnis mit 349 Künstlern, Ortsverzeichnis mit 76 Orten
Sachgruppe: Bildende Kunst, Sprache: Deutsch
Umfang: 152 Seiten, 78 Abb. davon 50 in Farbe
Format: H 23 x B 15,5cm, 1,2cm dick, Einband: Paperback, französische Broschur
© 1999 Prozess & Dialog e.V.
Restauflage, reduzierter Preis: statt 11,95 nur 4,95

Kunst im öffentlichen Raum ist keine Erfindung der modernen Gesellschaft, es gab sie schon immer, sie war und sie ist Ausdruck ihrer Zeit.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatte insbesondere die architekturbezogene Kunst immer eine Funktion. Das gilt, für die Darstellung der Götter in der Antike, die Abwehr der Dämonen durch die Außenplastiken der Kathedralen sowie die Verehrung der Heiligen und die Manifestation der Herrschaft in der Renaissance. Im 19. Jahrhundert wurde alles in Stein gehauen oder in Bronze gegossen, was mit der eigenen Geschichte zu tun hatte.
Die Kunstwerke waren zweckgebunden. Zu einem großen Teil besaßen sie städtebauliche Funktionen, sie waren Verbindungselemente architektonischer Ensembles oder bildeten das Zentrum eines Platzes.
Die Architektur der Moderne, die jede Hinzufügung ablehnte und den Wert der eigenen künstlerischen Aussage betonte, leitete die entscheidende Veränderung ein.
Um nicht als Applikation, als Kaschierung von Baumängeln oder reine Hinzustellung zu verkommen, mußte und muß die Bildende Kunst auf die jeweiligen Herausforderungen mit immer neu zu erarbeiteten Ansätzen reagieren.
Die zeitgenössische Kunst schafft keine Abbilder mehr im Sinne von Statuen, sie besetzt Räume, untersucht sie, verändert, gliedert und interpretiert sie neu. Durch Hinzufügen oder Weglassen schafft sie neue Wirklichkeit.
Kunst im öffentlichen Raum hat nur in den seltensten Fällen die schnelle Breitenwirkung erreicht, die man immer wieder erhofft hat. Dennoch ist ihre Bedeutung nicht nur für die Lebensqualität, sondern auch für die Lesbarkeit einer Stadt unumstritten.
Kunst soll bewußtseinsbildend und bewußtseinsstörend wirken; damit sie das kann, gehört sie dorthin, wo die Menschen ihr zufällig begegnen - in den Alltag um ein Teil dessen zu werden.
Kunst den Menschen nahezubringen ist und bleibt eine wichtige Aufgabe. Die Beteiligung Bildender Künstler an der Gestaltung des sich permanent verändernden öffentlichen Raums ist nicht nur notwendig, sie ist gleichzeitig Ausdruck der Kulturfähigkeit einer Gesellschaft.
Nur zu oft ist Kunst, die unvermittelt den Menschen vorgesetzt wurde, spontan vehement abgelehnt worden um nach einiger Zeit zu einer identitätsstiftenden Größe zu werden.
Nicht nur in Großstädten, sondern überall dort, wo sich die Möglichkeit bietet, sollte Kunst zum Teil der allgemeinen Wahrnehmung werden.
Kunst darf auch Zumutung sein.
Es ist problematisch und es kommt nahezu einer Bevormundung der Öffentlichkeit gleich, wenn Kunst in den öffentlichen Raum kommt, die von pseudodemokratisch besetzten anonymen Gremien auf dem geringsten gemeinsamen Nenner abgesegnet, den Menschen als zumutbar präsentiert wird.
Dagegen zeichnen sich von Künstlern initiierte Projekte  insbesondere dadurch aus, daß sie frei von fremden Vorgaben und Einflußnahmen jeglicher Art sind. Die Kunst muß nicht, wie bei Kunst-am-Bau-Wettbewerben üblich, innerhalb bestimmter Grundstücksgrenzen realisiert oder an vorhandene Architektur angepaßt werden. Die Künstler finden sich projektgebunden zu kleineren oder größeren Gruppen zusammen, und ihre Arbeiten sind unmittelbare und unverfälschte Reaktionen auf unsere Zeit.
Es ist ein großes Verdienst des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, gerade die Projekte finanziell zu fördern, die von Künstlern initiiert in der Offentlichkeit stattfinden.
Ohne diese meist temporären Kunstprojekte wäre der Alltag um ein belebendes Element ärmer.
Udo G. Cordes